Ciao Ciao Calancatal

Darf ich vorstellen: Das Calancatal. Ende März verschlug es mich wieder zur „Putz- und Reparaturwoche“ der Pfadfinderinnenstiftung Calancatal (P.C.) dorthin. Da wo Banker im Ruhestand die eher wie wettergegerbte Bergbauern anmuten und Berliner Elektriker auf Wildnispädagogen und schweizer Alpurgesteine treffen. Das Figurenkabinett traf sich und half das Gelände wieder saisonfertig zu machen. Auch ich darf im Juli bei den Familienlagern wieder mit eigenem Wildnisprojekt am Start sein.

Das urwüchsige Seitental des Misox ist eines der vier italienischsprachigen Tälern des Kantons Graubünden in der Schweiz. Versteckt und abgelegen, aber dennoch schnell erreichbar. Fährt man von Norden her kommend via San Bernardino gen Bellinzona ahnt man noch nicht, dass es nur etwa zwanzig Minuten weg von der Autobahn einen Ort gibt in der vergangene Zeiten noch lebhaft spürbar sind und der Mensch die Naturschauspiele der Berge noch nicht gebändigt hat. Die Häuser tragen hier noch klangvolle Namen wie „Casa del Pizzò“ oder „Cà del Pin“ statt einer Hausnummer. Dort leben heißt sich auf ein Leben am Berg einzulassen. Blickt man auf die Entstehungsgeschichte der Dörfer merkt man, dass es wohl eher eine „Wandlung“ statt „Entstehung“ ist. Die lebenden Generationen können sich noch an abgerutschte und verschüttete Straßen und Waldbrände erinnern. Daran, dass der Fluss Calancasca bei Starkregen seine Stärke zeigen kann und Steine so groß wie Autos bewegt und sich unter bebender Erde über Nacht einen neuen Flusslauf bahnt. Dörfer wurden verschüttet und ein noch existierender Ort auf einem alten Erdrutsch erbaut. In Bodio-Cauco, dort wo die P.C. zu finden ist, wird das Calancatal seinem Namen vollends gerecht. Calanca bedeutet soviel wie „abschüssig“ und „steil“. Und so lebt man in Bodio-Cauco mit einer auf der Ostseite steilen Felswand vor der Haustür, an deren Fuß die Calancasca mal sanft und selten auch wild, vorbeifließt. Im späteren Winter darf hier auf der steinernen Leinwand das Spektakel genossen werden wenn es knarzt und knirscht und riesige Eiszapfen brechen und so auch die Ohren am Schauspiel des fallendenen Eises teilhaben lassen. Mit der Nord-Süd-Ausrichtung des Tals und den mal mehr und mal noch mehr steilen Ost- und Westseiten fällt es nicht schwer sich der Sonnenstrahlen zu erfreuen. Und nachts im Gegenteil den Sternenhimmel zwecks kaum direkter Lichtverschmutzung in vollen Zügen zu genießen und zum Schnuppe- und Sternenstauner zu werden. Im Sommer lernt man dann doch auch die „Schattenseiten“ zu schätzen und freut sich vielleicht um etwas Abkühlung. Die kann man sich auch in der Calancasca holen. Mit angenehmen zwölf, dreizehn Grad im Sommer und zahlreichen Gumpen lässt es sich auch in der prallen Sonne gut erfrischen und aushalten. Die Natur scheint hier noch intakt zu sein. David (Zentrumsleitung P. C.) erzählt auf Nachfrage warum er eine Wildkamera vor der Haustür hat, dass hier Hirsch und Dachs im Winter durch den Garten kommen und Hallo sagen. Weiter oberhalb in der Gegend um San Bernardino werden sogar gelegentlich Wölfe gesichtet.

Trotz der ursprünglichen Natur um die alten Dörfer, den zarten brombeerdurchwachsenen Erlen- und Fichtenwäldern, den schroffen Felsen, den Bergwiesen und Hängen, dem Fluss dessen Bachbett ein Augenfest für jeden Steinmännchenbauer ist, fällt es den Menschen in der heutigen Zeit immer schwerer sich dort niederzulassen. Lebten hier vor knapp dreihundert Jahren noch knapp dreitausend Menschen, wurden 2010 nur noch 796 Einwohner gezählt. Von denen lebt ein paar Hände voll im Dörfchen Bodio-Cauco, wo jedes Jahr im Juli fast schon einem Festival gleich die P.C. zwei Familienlager mit 80 Teilnehmern und etwa dreißig Leitern veranstaltet und so die Bevölkerung im Dorf kurzzeitig vervielfacht, den Ort wiederbelebt und die Geschichte vom Calancatal mit nach außen trägt. Aber vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht muss es mehr Orte auf der Welt geben aus denen der Mensch sich wieder zurückzieht, die Natur wieder zu Atem kommen lässt und sich dann ihrer Frische respektvoll erfreuen kann.